Am Donnerstag, den 09. April, lud der Theaterkurs der S4 zur öffentlichen Aufführung seines selbst erarbeiteten Stückes „Scherben“ ein, in dem sich die Schüler:innen mit Kleists „Zerbrochnem Krug“ und der #MeToo-Bewegung auseinandersetzen.

Was wir sehen, ist immer eine Frage der Perspektive. Die Wahrheit liegt, so scheint es, im Auge des Betrachters. Unliebsame Wahrheiten werden nach Belieben umgemünzt, aus Fakt wird Fake und so sieht auch der notorische Lügner Adam die Dinge so, wie er sie braucht, um sich ungestraft nach Lust und Laune rücksichtslos auszuleben. So vielfältig und widersprüchlich wie seine „Wahrheiten“, so variantenreich erscheinen die offenen Rollenwechsel auf der Bühne. Durch die einfache Weitergabe einer Requisite, nämlich seiner Amtsperücke, schlüpft Adam von einer Person in die andere. In der Vervielfältigung der Rolle schlurfen die Adams simultan über die Bühne und ziehen den symbolischen Pferdefuß des teuflisch Bösen effektvoll hinter sich her. Anders als im Thalia-Theater warten die ebenfalls multiblen Rollen-Evchen aber nicht bis zum Schlussakt mit der Aufdeckung des Übels, sondern entlarven Adams Frevel gleich zu Beginn, ganz im Sinne des analytischen Dramas, bei dem es nicht um die Findung des Täters geht, sondern um die Frage, ob er zur Rechenschaft gezogen wird: Adam hat versucht, Eve unter einem fingierten Vorwand sexuell zu bedrängen und auf der Flucht den Krug zerschlagen. Bei der Aufdeckung des Tathergangs treten dann genregerecht Hindernisse auf, hier in Form von Adams Amtsmissbrauch, der Evchen mit erpresserischen Drohungen zu manipulieren versucht, um sie mundtot zu machen. An dieser Stelle gleitet das Stück in die Gegenwart, in der es noch immer häufig die Mächtigen sind, die den Einfluss ihrer Positionen nutzen, um Wahrheit in ihrem Sinn zu definieren. Aus dem Kleistschen Originaltext wird Gegenwartssprache, durchsetzt von englischen Einschüben, chorischen Gesängen und eingespielten Songs, die die Aussageintention akustisch untermalen. „You don’t own me!“ von Lesley Gore stellt klar: Eine Frau ist kein Spielzeug in den Händen männlicher Besitzer. In einer Demonstration im Freeze werden dem Publikum Transparente vorgehalten, die die Anerkennung der Persönlichkeitsrechte der Frauen einfordern und sich gegen ihre Instrumentalisierung als Sexualobjekte verwahren: „I am somebody – not some body!“ Adam mutiert zum US-amerikanischen Präsidenten, dessen Hautfarbe in sein Kunsthaar eingewachsen ist. Vertuschungsversuche und Bestechungen im Zusammenhang mit der Epstein-Affaire stellen die Anknüpfungspunkte an das Kleistsche Lustspiel dar. Die Schauspielenden mischen sich ins Publikum und verdeutlichen pantomimisch körperliche Übergriffe. Die sprichwörtliche Grenze, die individuell verschieden ist, wird gestisch auf der Bühne markiert. Das Schweigen der Eingeschüchterten, Mutlosen, Resignierten wird gebrochen. Der Widerstand bekommt eine Stimme. Falldaten von getöteten Frauen laufen in der Projektion über die Körper der Schauspielenden und symbolisieren einmal mehr ungewollte Berührungen und Verletzungen.

Das akustische Zerbrechen des Kruges im Schlussakkord markiert das Ende des Schweigens und das Signal des Aufbegehrens gegen Machismus und Missbrauch. Überkommende Strukturen der Unterdrückung und verlogene Narrative der Macht liegen in Scherben.

Die Vielzahl an Darstellungsmitteln aus dem epischen und postdramatischen Theater zeugt für die Modernität der Inszenierung. Der Spagat eines als Komödie mit gesellschaftskritischem Impetus angelegten Stückes, das sich zwischen Witz und Ernst bewegt, ist in dieser Adaption des Zerbrochnen Kruges überzeugend gelungen. An keiner Stelle kippt es in den Klamauk um oder ins überzogene Pathos. An diesem ebenso unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Theaterabend haben uns die jungen Schauspielenden und Dramaturgen eindrucksvoll gezeigt, dass der Zerbrochne Krug mehr ist als verstaubter Bildungsballast einer vergangenen Epoche. Die Frage nach der Aktualität dürfte sich nach dieser Darbietung erübrigen.

Ein großer Dank gebührt dem Abiballkomitee, das für Getränke und Snacks sorgte, KANTevent für den technischen Support, den kreativen Theaterschaffenden für diese beachtliche Inszenierung und last but not least Frau Larink, die diese Theaterleidenschaft in den Schülerinnen und Schülern entfacht und den Entstehungsprozess fachkundig begleitet hat, sowie ihrer Regieassistentin und technischen Leiterin Johanna Ruhmkorf!

(J. Kappelhoff)