„Ein Philosoph: das ist ein Mensch,
der beständig außerordentliche Dinge erlebt,
sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von

seinen eignen Gedanken wie  von außen her,

wie von oben und unten her, als von seiner
Art Ereignissen und Blitzschlägen getroffen
wird (…).“ 


                                                              Friedrich Nietzsche

 

Schon in der antiken griechischen Philosophie galt das Staunenals Anfang des Philosophierens. Der Mensch verfällt angesichts der Vielfalt von Erscheinungen, für die er keine Erklärung hat, in ein kindliches Staunen und fühlt sich in der Folge von unzähligen Fragen eingenommen. Für den Philosophierenden, der im Sinne Nietzsches von überall her wie von Blitzschlägen getroffen wird, geht es dabei einerseits um die Freude am Denken, andererseits aber auch um eine Offenheit für Betroffenheit, um die Ruhelosigkeit angesichts des Unwissens, das mit dem Staunen untrennbar verbunden ist.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft versetzte 2014 mit ihrer neuartigenPhilosophie“ die ganze Nation in ‚Staunen‘, Hersteller noch so geistesferner Produkte entwickelnUnternehmensphilosophien“ im Romanformat und nicht selten werden Sätze mit verheißungsvollen Floskeln wie „Meine Philosophie ist…“ begonnen. Wozu also noch Philosophieunterricht, wenn jeder schon seine eigene Philosophie formuliert hat?

Zunächst einmal ist das Unwissen in einer fortschrittsorientierten Welt weiterhin grenzenlos, was in Anbetracht der erstaunlichen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung umso ernüchternder wirkt. Philosophie ist diesbezüglich eine Entscheidung zur Bescheidenheit, da eine vorschnelle Hinwendung zu vorgefertigten Antworten vermieden wird. Ferner wirkt Philosophie aber auch der Willkürlichkeit von Antworten entgegen, indem sie die Macht des Arguments bei der Entfaltung einer Position hervorhebt.

Was ist eine gerechte Strafe? Sind Lügen unter bestimmten Umständen zulässig? Gibt es eine moralische Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen? Durch unser tägliches Handeln greifen wir auf ganz bestimmte Vorannahmen im Hinblick auf diese und ähnliche Fragen zurück. Unsere Meinungsfreude, die nicht nur von Zeitungen zu Werbezwecken gefordert wird („Bild dir deine Meinung“), ist allerdings nicht immer in der Hinsicht fundiert, dass wir uns diese Vorannahmen bewusst machen, sie aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und sie im Hinblick auf eine mögliche Revision unseres Urteils hinterfragen. Dies war und ist Aufgabe der Philosophie.

Ziel des Philosophieunterrichts ist es also, Schüler zu einer selbständigen und reflektierten Urteilsbildung zu motivieren und zu befähigen. Deshalb steht sowohl die Auseinandersetzung mit argumentativen Texten und Positionen – auch in Verbindung mit Filmen, Zeitungsartikeln etc. –  als durch Gedankenexperimente, Rollenspiele und Diskussionsformen im Fokus.

„Wenn man zu leben versucht, ohne zu philosophieren, dann ist das, als halte man die Augen geschlossen, ohne daran zu denken, sie zu öffnen.“                                                                                             René Descartes