Ein Reisebericht von Sophia König (S1)

Als wir unsere Reise am 3. Oktober antraten, dachte jeder von uns, er würde wissen, was ihn in Prag erwarten würde: Man hatte Erfahrungen in vorherigen Austauschen gesammelt oder war mit der Stadt sogar bereits vertraut. Außerdem kannte man seinen Austauschpartner schon seit dem Frühjahr, was zumindest die Aufregung am Bahnsteig abschwächte.

 

Dennoch wurden wir in den zwei Prager Wochen stetig von neuen Erfahrungen überrascht – von der tschechischen Kultur, dem Leben in der Gastfamilie oder der Stadt an sich.

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Prag gleicht einer Filmkulisse, die lediglich von den touristischen Kristall-Läden in die Gegenwart geholt wird. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt war, ist der historische Kern noch erhalten und nicht zerbombt worden. Bei unserem ersten Stadtrundgang sahen wir an jedem Gebäude Statuen, kleine Türme und dekorativen Stuck. In den äußeren Stadtteilen prägt der Plattenbau die Stadt, aber auch diese renovierungsbedürftigen Gebäude tragen zum Charakter der Stadt bei. Unsere Partnerschule, das Thomas-Mann-Gymnasium, ist daraus auch eine Mischung: ein neueres Hauptgebäude umringt von älteren Gebäuden. Von zwei Aussichtsplattformen aus, der Prager Burg und dem Aussichtsturm Petrin (dem Prager Eiffelturm), erhielten wir am Sonntag einen umfangreichen Blick über die Stadt.

Wenn sich bei dem geführten Rundgang durch das jüdische Viertel am Donnerstag nicht wegen der heruntergefallenen Kippa gebückt wurde, bewunderten wir die prunkvollsten und ältesten Synagogen Prags. Zusätzlich sorgte der jüdische Friedhof, auf dem 100.000 Menschen auf einem Hektar in bis zu 12 Schichten begraben liegen, für Gänsehaut.

Intensiver mit der Vergangenheit beschäftigten wir uns auch auf unserem zweiten Tagesausflug nach Theresienstadt. Es ist nicht vergleichbar mit anderen Konzentrationslagern, da der gesamte Komplex bereits im Mittelalter errichtet wurde und das Zentrum heute wieder bewohnt ist. Im ersten Teil besuchten wir das Fort für politische Gefangene und schlichen durch unterirdische Tunnel, welche zur Verteidigung gegen Preußen im Mittelalter genutzt wurden. Als wir zu der eigentlichen Stadt gefahren wurden, dem ehemaligen Ghetto der tschechischen Juden während des zweiten Weltkriegs, erzählte unser Reiseführer uns, dass er bei seinem Einzug dort Malereien auf dem Dachboden entdeckte. Es stellte sich heraus, dass sein Wohngebäude einst als Kinderheim diente und die Kinder kleine Gedichte und Bilder an den Wänden hinterließen. Er entzifferte Nachrichten, vergrößerte die Werke und eröffnete eine Ausstellung auf jenem Dachboden. Die ehemaligen Bewohner erhielten dadurch ihre eigene Stimme. Zudem führten seine Nachforschungen zu Kontaktaufnahmen mit einigen der nun hochbetagten Künstler und Autoren. Aufgrund der Ausstellung kam uns die Vergangenheit auf dem Dachboden plötzlich lebendig vor. Der Enthusiasmus unseres Reiseführers animierte uns dazu, selbst auf Spurensuche zu gehen. Schlussendlich verbrachten wir ganze fünf Stunden in Theresienstadt, konnten währenddessen aber nur einen Bruchteil besichtigen.

Etwas ganz Besonderes war auch das Signal-Festival, das die Stadt in ein ganz besonderes Licht tauchte. Überall in der Innenstadt waren kleine Licht-Installationen aufgebaut, die wunderbar mit der Moldau harmonierten.

Tagsüber ging jeder den Aufgaben während seines Praktikums nach, zu dem uns die meisten Familien mit einem in Servietten verpackten Brot schickten. In Kindergärten, Buchläden oder in der deutschen Landesversammlung erlebten wir jeden Tag neue und unerwartete Erlebnisse.

In den Gastfamilien war jeder auf sich allein gestellt. Die entgegenkommende Gastfreundschaft erleichterte jedoch das Zusammenleben und das selbstgekochte tschechische Essen, besonders die Vielfalt an Klößen hinterließ bleibenden Eindruck. Wenn die Eltern kein Deutsch sprachen, übersetzten die Austauschpartner und auch in der Stadt fielen unsere fehlenden Tschechischkenntnisse nicht weiter auf. Höchstens in der U-Bahn stellten die meist unaussprechlichen Namen der Haltestationen ein Hindernis dar, wenn man etwa ein Treffen arrangieren wollte (dafür war das Netz insgesamt mit seinen nur drei Linien umso übersichtlicher).

Zwar holte uns der Alltag auch in Prag ein; bei einem Austausch ist dies jedoch keine negative Erfahrung, sondern macht diesen erst aus. Man lernt die Stadt so auf eine natürliche Weise kennen und der Einblick in das Leben der Familien ist meist viel wertvoller, als ein Hotelaufenthalt mit Segway-Stadtrundfahrt. Durch den Kontakt zu den Austauschpartnern werden einem zudem die Unterschiede zwischen den jeweiligen Ländern, aber auch die vielen Gemeinsamkeiten bewusst.

Wir beendeten den Austausch mit einem gemeinsamen Abschiedsessen und einem letzten Ritt durch das Prager Nachtleben. Letztendlich wurden unsere Erwartungen mal enttäuscht und mal erfüllt, insgesamt aber komplett übertroffen.

Sophia König, S1